„Es gibt sehr viele Erlebnisse und Schicksale, die mich berühren.“

Petra Hoffmann leitet das Reittherapiezentrum der Lebenshilfe im Nürnberger Land e.V., dessen heilpädagogisches Konzept mit dem Leitgedanken „Pferde bewegen Menschen“ überschrieben ist und die individuelle Förderung der Reitschüler in abgestimmten Entwicklungsbereichen in den Mittelpunkt stellt. Im Interview spricht die 47-Jährige über ihre Erfahrungen mit der tiergestützten Therapie


Interview mit Petra Hoffmann

Filmreif: Stolz zeigen Frühförderkinder im Reittherapiezentrum ihre Erfolge.

Bild zeigt Petra Hoffmann im Interview mit der Journalistin Christine Gertler, die derzeit einen Imageclip für die Lebenshilfe Nürnberger Land dreht.

Frau Hoffmann, wie sind Sie zur Reittherapie gekommen?

Mit 14 Jahren habe ich ein Praktikum in der Sonderschule der Lebenshilfe Nürnberger Land absolviert. Als eine der Lehrerinnen von meiner Reitbegeisterung erfuhr, planten wir ein Fest. Die Indianertage mit Tipi-Bau und Reiten waren ein großer Erfolg. Etwa zur gleichen Zeit hatte ich auf dem Ponyhof ein prägendes Erlebnis. Meine Trainerin benötigte Unterstützung bei einer Therapiestunde mit einem Mädchen, das an Armen und Beinen an einer gestörten Bewegungskoordination litt. Ich sollte neben dem Pferd laufen und gegebenenfalls sichern. Zu Beginn fragte ich mich, ob und wie ich das Mädchen ansprechen könnte. Noch während ich nachdachte, fing das Mädchen an zu erzählen, welch ein Gefühl von Freiheit ihr das Pony vermittle und wie unendlich dankbar sie dem Tier dafür sei, ihren Rollstuhl einmal beiseite stellen zu können. Es waren diese beiden Erfahrungen, die mich motiviert haben, soziale Arbeit zu studieren und parallel die Ausbildung zur Reittherapeutin beim Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten zu machen.


Was ist für Sie das Besondere an Ihrer Arbeit?

Mich fasziniert, wie es einen rührt, was Pferde mit uns machen können. Sich von dem starken Tier tragen lassen, mitbewegt werden, den eigenen Körper spüren, das sind wunderbare Erfahrungen. Pferde sind so stark, dass sie uns ohne Probleme umwerfen könnten und doch stellen sie sich in unseren Dienst. Dabei sind sie so feinfühlig, dass sie zwischen verschiedenen Einschränkungs- graden unterscheiden. Unser Pony Moonfleet zum Beispiel möchte stets mit Respekt behandelt werden. Einem Kind mit ADHS, das es grob anfasst, zeigt es klar, dass eine Grenze überschritten ist, während es bei einem Menschen mit einer schweren Mehrfachbehinderung auf eine ungewollt grobe Berührung gelassen reagiert.  
Kommt es vor, dass ehemalige Patienten nach Therapieende den Kontakt zu Ihnen suchen? Petra Hoffmann: Oh ja, ich bekomme ganz viele SMS, die beginnen „Sie können sich wahrscheinlich nicht mehr an mich erinnern, ich war…“ und deren Absender dann vom erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung oder eines Studiums berichten. Viele besuchen uns auch im Stall. Es ist klasse, die persönliche Entwicklung des Einzelnen auf diese Weise mitverfolgen zu können.  


Wie sieht Ihr typischer Arbeitsalltag aus? 

Morgens schaue ich, wie die Pferdeversorgung durch unseren Pferdepfleger und die beiden Mitarbeiter aus der Werkstatt läuft. Vormittags habe ich in der Regel zwei Therapietermine und nachmittags noch einmal drei. Elterngespräche, Besprechungen und das Qualitätsmanagement nehmen weitere Zeit in Anspruch. Wenn ich eine Lücke in meinem Terminplan finde, arbeite ich im Sinne der Ausgleichsarbeit mit unseren Therapiepferden. Das Fahren ist mir ein besonderes Anliegen. Unsere Pferde bewegen sich dabei auf verschiedenen Untergründen, nehmen unterschiedlichste Umweltreize wahr und kräftigen auch ihre Rückenmuskulatur. Darüber hinaus gelingt es uns über das Fahren, unseren Therapieansatz zu erweitern und Menschen, die Kontraindikationen für das Reiten haben, etwa Wirbelsäulenprobleme oder starke Epilepsie, einzubinden.


Das Reittherapiezentrum der Lebenshilfe Nürnberger Land wurde vor fünf Jahren eröffnet. Welches Erlebnis hat Sie seither am meisten berührt?

Es gibt sehr viele Erlebnisse und Schicksale, die mich berühren. Eine meiner kleinen Schülerinnen leidet an Krebs. Für mich ist es immer ein Highlight, wenn sie so stabil ist, dass sie zum Reiten kommen kann. Anfangs mussten wir die Einheiten nach drei Runden abbrechen, weil sie keine Kraft mehr hatte. Nach der sechsten oder siebten Einheit war sie in der Lage, 30 Minuten auf dem Pferd zu sitzen und auch im Alltag wieder Treppen zu steigen. Leider hat sich ihr Gesundheitszustand zuletzt wieder verschlechtert. Um ihr Freude zu bereiten, wurde in ihrer Kindergartengruppe ein Holzpferd angeschafft. Wir haben etwas alte Ausrüstung an die Gruppe gegeben und nun zeigt unsere Schülerin den anderen Kindern, wie man Sattel und Zaumzeug anlegt. Und dann gibt es noch einen Jungen, der aus medizinisch ungeklärten Gründen nicht laufen kann. Bei ihm wenden wir die Hippotherapie an und legen großen Wert auf eine intensive pädagogische und physiotherapeutische Begleitung. Wenn es ihm gelingt, sich abgestützt auf das Pferd nur kurz aus dem Stuhl zu erheben und die Beine durchzustrecken, ist das jedes Mal ein bewegender Moment für mich.   
 


Inklusion ist in der Politik und auch in der Gesellschaft ein großes Thema. Welche Erfahrungen konnten Sie im Zuge der Reittherapie bislang sammeln?

Beim Thema Inklusion stehen wir am Beginn. Es gibt im direkten Umfeld zwei bis drei Vereine, die uns in diesem Jahr erstmals zu Breitensportwettbewerben eingeladen haben. Das freut uns natürlich sehr. Im Vorfeld ist es wichtig, dass wir uns mit den Vereinen zu den Ausschreibungen und Bewertungskriterien abstimmen, denn wir möchten nicht, dass es sogenannte Sonderklassen gibt. Das wäre nicht im Sinn unserer Reitschüler, die keinesfalls aufgrund ihres Handicaps hervorgehoben oder bedauert werden möchten. Sie möchten vielmehr als Persönlichkeiten akzeptiert werden. Als nächsten Schritt bereiten wir die Teilnahme an regulären Schritt-Trab-Reiterwettbewerben vor. Mit unserer Fortgeschrittenengruppe sind wir bereits erfolgreich bei Schritt-Klassen im Voltigieren gestartet. Solche Erfahrungen motivieren uns alle sehr!  
 

Bei „Faszination Pferd“ wird die Lebenshilfe Nürnberger Land im Showprogramm vertreten sein. Welche Inhalte planen Sie und wie bereiten Sie Reiter und Pferde auf den Auftritt vor? 

Wir planen einen inklusiven Führzügelwettbewerb, an dem unsere Reitschüler und Reitbeteiligungen, Reiter aus benachbarten Vereinen und Auszubildende der NÜRNBERGER Versicherung mitwirken. Ziel ist es, ein großes Publikum für das Thema Reiten mit Handicap zu sensibilisieren und zu zeigen, welche Freude unsere Schüler an diesem Sport haben. Unsere Pferde, die bislang nur das ruhige Umfeld des Reittherapiezentrums gewohnt sind, bereiten wir über die Teilnahme an kleineren Turnieren und das Einspielen von Applaus bei den Trainingseinheiten auf den 2. November vor. Mit unseren Reitschülern üben wir die einzelnen Aufgabenstellungen des Wettbewerbs. Für Einige stellt bereits das Leichttraben eine Herausforderung dar. Andere neigen dazu, unter Druck nervös zu werden und zu verkrampfen, was sich auf das Pferd übertragen kann. Die Auszubildenden der NÜRNBERGER Versicherung, die sich seit Jahren stark für unsere Reittherapie engagiert, kommen zu zwei zusätzlichen Trainingseinheiten zu uns. Wir werden den jungen Menschen zunächst den Unterstützungsbedarf unserer Betreuten und Pferde erläutern. Beim gemeinsamen Üben wird sich dann herausstellen, ob und welchen Unterstützungsbedarf die Azubis haben (lacht). Ganz sicher ist: Wir alle freuen uns sehr, ein Teil der diesjährigen „Faszination Pferd“ zu sein und dort mit unseren betreuten Reitern auftreten zu dürfen!


 

Inklusives Showprogramm am 2.11.2017

Das Team unseres  Reittherapiezentrums wird dieses Jahr Teil des Showprogramms „Faszination Pferd“, Frankenhalle Nürnberg, 2.11.2017, sein. Erstmals gestalten Auszubildende der NÜRNBERGER und Betreute der Lebenshilfe einen inklusiven Führzügel-Wettbewerb. Begleitend zur gemeinsamen Aktion entstand das Interview mit Petra Hoffmann, Leiterin des Reittherapiezentrums (RTZ), das Dr. Natalie Schwägerl, Sponsoring der Nürnberger Versicherung, führte.

Petra Hoffmann – Impressionen aus ihrem Arbeitsalltag im RTZ der Lebenshilfe Nürnberger Land

Show für Eltern und Geschwister: Frühförderkinder zeigten stolz ihre Reitkünste.

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