„Und plötzlich war ich selber Patient“

Besuchte auf Einladung von Friseurmeister Marcel Schneider (links mit Bounty) das Reittherapiezentrum der Lebenshilfe in Lauf: Britta Näpel, ehemalige Paralympics-Siegerin im Dressurreiten, hier mit Ponywallach Moonfleet. Foto: Roland Fengler

Die besondere Verbindung zwischen Mensch und Pferd ist ihr ein großes Anliegen: Seit einem Unfall mit einem Insektenschutzmittel leidet Britta Näpel unter spastischen Lähmungen in den Beinen, die leidenschaftliche Reiterin hat sich dennoch ihren Weg zurück in den Sattel gekämpft — bis hin zum großen Dressursport. In Lauf hat sich die ehemalige Paralympics-Siegerin und Weltmeisterin das  Reittherapiezentrum der Lebenshilfe Nürnberger Land angesehen.

„Plötzlich stand ich auf der anderen Seite“, erinnert sich Näpel, während sie sich auf Krücken gestützt, den Stall und die Reithalle des Therapiezentrums der Lebenshilfe  ansieht. „1998 hatte ich meine Ausbildung
als Pferdewirtschaftsmeisterin abgeschlossen und seit zwei Jahren einen eigenen Hof, auf dem ich auch Reittherapie angeboten habe“, erzählt die heute 51-Jährige. Weil sie die Anleitung eines Insektenvernichtungsmittels nicht genau las, erlitt sie damals eine schwere Vergiftung, die zu einer spastischen Lähmung des Unterkörpers und der Beine führte. Anfangs saß sie im Rollstuhl. „Ich war
ganz unten“, sagt Näpel. „Und plötzlich selber Patient . . .“

„Als Therapeut denkt man ja immer, man weiß, wie alles funktioniert und was die anderen tun müssen. Aber als Behinderter fühlt sich das ganz anders an. Ich denke, das ist mein Vorteil heute!“, sagt die 51-Jährige, die auf Einladung ihres guten Freundes, Friseurmeister Marcel Schneider, nur für diesen einen Tag drei Stunden aus Wonsheim in Rheinland-Pfalz angereist ist.

Zahlreiche Medaillen
Der eigene Reiterhof von damals ist inzwischen ein angesehenes Reittherapiezentrum. Erst am vergangenen
Wochenende wurde 20-jähriges Jubiläum gefeiert, erzählt Näpel. Nachdem sie sich selbst ihren Weg in den
Sattel zurückkämpfen musste und sie am eigenen Leib erfahren hat, wie sehr ihr die Arbeit mit den Pferden
geholfen hat, ist ihr die Reittherapie ein noch größeres Anliegen, als sie es zu Beginn ohnehin war. Inzwischen ist Näpel Vizepräsidentin des Behinderten-und Rehabilitationssport–Verbands Rheinland Pfalz.

Dass sie nicht nur zurück im Sattel, sondern sogar im großen Sport landen und insgesamt 24 Medaillen für
Deutschland und Titel wie Weltmeisterin und Vize-Europameisterin holen würde, war so nicht geplant, sagt die sympathische 51-Jährige. „Nach dem Unfall hat es eine Weile gedauert, bis ich die Diagnose hatte. Danach habe ich mit der Hippotherapie angefangen. Ich wollte einfach nur reiten um des Reitens Willen!“ Vor allem der Anfang sei schwierig gewesen: „Ich hatte toll ausgebildete, sensible Pferde. Aber weil meine Beine nicht mehr das ausgeführt haben, was mein Kopf gesagt hat, haben sie mich nicht mehr verstanden. Das hat mich sehr frustriert.“Nicht nur einmal sei sie an dem Punkt gewesen: aufhören oder sich durchkämpfen. Sie entschied sich jedes Mal für Letzteres — und schaffte es. „Man muss fortwährend nach Lösungen suchen“, weiß Näpel heute. In ihrem persönlichen Fall sind es zwei Gerten, die ihr als Beinersatz am Pferd dienen und spezielle Steigbügel, durch die sie nicht durchrutschen kann.

Nachdem sie sich im vergangenen Jahr aus dem Leistungssport verabschiedet hat, ist sie nun stetig auf der
Suche nach Lösungen für andere. Und wird auch im Stall des Reittherapiezentrums der Lebenshilfe fündig: Für diejenigen, die nicht richtig lesen können, zeigen hier Schilder mit Fotos, Symbolen und Farben, welcher Strick oder welcher Sattel etwa zum jeweiligen Pferd oder Pony gehört.

Pferde sind die Therapeuten
„Das ist eine ganz tolle Idee“, sagt Näpel anerkennend. Überhaupt merke man im ganzen Stall das Herzblut,
mit dem Petra Hoffmann, Leiterin des Reittherapiezentrums, und ihr Team, bei der Sache seien. „Es ist auch schön zu sehen, wie liebevoll mit den Pferden umgegangen wird“, sagt Näpel.
Schließlich seien das die eigentlichen Therapeuten. Wie ihrem Bekannten Marcel Schneider hat es auch Näpel der Kleinste im Stall ganz besonders angetan: Der schwarz-weiß gefleckte Ponywallach Moonfleet durfte dank Schneiders Spende aus der letzten Benefizgala ein ganzes Jahr lang Pause machen, um seine Hufprobleme komplett auskurieren zu können. Jetzt ist der kleine Schecke genesen und darf wieder helfen.

Für das Foto lässt es sich Näpel dann auch nicht nehmen, trotz Krücken, Moonfleet aus dem Stall zu
führen. Auf dem Platz krault die ehemalige Weltmeisterin dem Pony liebevoll den Hals. „Im Grunde hat auch er eine Behinderung, schließlich muss er jetzt sein Leben lang Medikamente nehmen. Es ist schön zu sehen, dass die Integration auch bei ihm funktioniert!“

Copyright (c) 2017 Verlag Nuernberger Presse, Ausgabe 29/06/2017