Lebenshilfe-Idee – Ursprünge in Altdorf

Archivbild aus den Anfangszeiten der Geistigbehindertenhilfe im Nürnberger Land

Die Lebenshilfe Nürnberger Land feierte 2019 ihren 50. Geburtstag. Die Idee, Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung und deren Familien zu helfen, hat ihre Ursprunge schon im Jahr 1965 in Altdorf. Der Bote berichtete im Dezember 2019 ausführlich.


Ilse und Günther Lang erinnern sich an die Anfänge der "Geistigbehindertenarbeit" im Landkreis

Im Rahmen der Jubiläums-Jahreshauptversammlung wurden Norbert Scheckenhofer, Hans-Peter Schmidt und Günther Lang mit der Ehrenmitgliedschaft der Lebenshilfe Nürnberger Land gewürdigt. Ein guter Grund für DER BOTE-Redakteur Alex Blinten das Altdorfer Ehepaar Ilse und Günther Lang zu interviewen.

Altlandkreis ist Wiege der Geistigbehindertenhilfe im Nürnberger Land

ALTDORF. Günther Lang ist in Altdorf bekannt. Als ehemaliger Leiter der Mittelschule, als engagiertes Mitglied im Partnerschaftsverein, als Mitgründer des Hallenbadvereins und überhaupt als eine Person, die sich für das Gemeinwesen einsetzt. Weniger bekannt ist das Engagement des Altdorfers im Verein zur Förderung geistig behinderter Kinder. Insidern gilt der Rektor im Ruhestand als Vater der Lebenshilfe in Altdorf. Zusammen mit Norbert Scheckenhofer und Hans Peter Schmidt wurde der Altdorfer kürzlich zum Ehrenmitglied der Lebenshilfe ernannt. Die Lebenshilfe Nürnberger Land feierte in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Älter freilich ist der von Günther Lang mitbegründete Verein zur Förderung geistig behinderter Kinder, der bereits 1965 gegründet wurde und 1973 mit der Lebenshilfe fusionierte.

In Eismannsberg war Günther Lang 1965 Lehrer an der dortigen Schule und wusste, dass Eltern von Kindern mit Behinderungen händeringend nach geeigneten Kindergarten- und Schulplätzen für ihre Söhne und Töchter suchten. In Bayern gab es damals nichts dergleichen. Verständnis aus der Gesellschaft? „Die gab es kaum“, erinnert sich Günther Lang. Behinderte Kinder wollte man in der Öffentlichkeit nicht sehen.

Adeline von Zitzewitz, Mutter eines geistig behinderten Jungen und Frau des Altdorfer Pfarrers war die treibende Kraft hinter der Gründung des Vereins zur Hilfe für behinderte Kinder. Ihr gelang es schnell, den Altdorfer Bürgermeister Heinrich Späth, Dekan Fürle, die Stadt- und Kreisräte Hummel und Reichinger, den Landtagsabgeordneten Friedrich Weißkopf und die Kreisbäuerin Gunda Link ins Boot zu holen. Fehlte nur noch – ganz wichtig – ein Lehrer. Davon wusste der Eismannsberger Pfarrer Christian Amon-Amonsen und erhielt sofort eine Zusage, als er bei Günther Lang wegen einer eventuellen Mitarbeit anklopfte.

Dann war der Eismannsberger Lehrer einer von acht Gründungsmitgliedern, die den neuen Verein am 15. März 1965 aus der Taufe hoben. Da wusste Lang noch nicht, dass es nicht einmal ein
Jahr dauern würde, bis er selbst den Vereinsvorsitz übernehmen würde. Die Familie Zitzewitz verließ die Stadt nämlich wegen der Versetzung des Pfarrers.

Der Altdorfer Verein war mit seiner Zielsetzung damals einzigartig in Bayern. Im ganzen Freistaat gab es nichts vergleichbares. Trotzdem war es zunächst gar nicht so einfach, die Kontakte zu Eltern behinderter Kinder herzustellen. „Damals scheuten sich noch viele Eltern, sich an den Verein zu wenden“, erzählt Lang, „wir mussten bei unserer Arbeit auch noch gegen das Gedankengut des Dritten Reiches kämpfen“.

Die Heilpädagoginnen Else Wollbold und Renate Kriebel betreuten die Kinder in Kleingruppen mehrmals wöchentlich, immer in einem der Elternhäuser.

Von außerordentlicher Bedeutung dabei war auch die Beratung der Eltern und deren Information über die heilpädagogischen Maßnahmen. Else Wollbold holte die Kinder täglich im vereinseigenen VW-Käfer ab. Nachdem im zweiten Vereinsjahr bereits über 20 Kinder aus dem gesamten Landkreis vom Verein betreut wurden, schaffte man einen zweiten VW-Käfer an und erhielt von Dekan Fürle grünes Licht für die Einrichtung eines Sonderkindergartens im kirchlichen Verwaltungsgebäude.
1969 schließlich baute der Verein das Erdgeschoss im Alten Schulhaus, dem späteren Gemeindehaus, für 40 000 Mark um und schaffte einen Kleinbus an. 1970 gab die Regierung von Mittelfranken die Genehmigung für die Einrichtung einer Sonderschule, an der dann ein Kollege Langs aus Rummelsberg unterrichtete. Was in der Rückschau so einfach klingt, war seinerzeit außerordentlich schwierig.

Lang spricht in seiner Erinnerung von einem „weiten und sehr beschwerlichen Weg“.

„Politik und große Teile der Öffentlichkeit hatten für diese Arbeit noch sehr wenig übrig.“ Und gesetzliche Grundlagen wie heute gab es auch noch nicht. Dass der Verein finanziell ganz gut zurecht kam, hängt mit der Hilfe der Rummelsberger Anstalten der inneren Mission zusammen, unter deren Dach er gegründet wurde, außerdem mit den Zuwendungen des Kreistags und mit vielen Spenden aus der Politik, von Kirchen, Vereinen und Stammtischen. Vom Amtsgericht Hersbruck flossen Bußgeldzuwendungen in die Vereinskasse, darüber hinaus Beiträge von Mitgliedern und Eltern. Noch heute gibt es einen monatlich stattfindenden Elternstammtisch der Lebenshilfe, der seine Ursprünge in den späten 60er Jahren beim Verein zur Förderung geistig behinderter Kinder hat.

Nach der Gebietsreform fusionierte Langs Altdorfer Verein im April 1973 mit der vom Laufer Chefarzt Dr. Bernhard Leniger gegründeten Lebenshilfe Lauf-Hersbruck zur Lebenshilfe Nürnberger Land.

Als Altdorfer ist deren Vorsitzender Gerhard John stolz darauf, dass die Organisation ihre Inklusiven Wohnwelten seinerzeit in Altdorf in der Nachbarschaft zur Fachakademie baute. Bis heute allerdings bedauern es John und Lang, dass die Lebenshilfe ihr geplantes Wohnheim für geistig behinderte Senioren weder an der Pfaffentalstraße noch an der Hackenrichtstraße in Altdorf realisieren konnte.

Dabei ist Altdorf der Ursprungsort der Lebenshilfe-Idee, betont John immer wieder mit Verweis auf den im Jahr 1965 von Günther Lang und seinen sieben Mitstreitern gegründeten Verein zur Hilfe für geistig behinderte Kinder. Das ursprünglich für Altdorf vorgesehene Wohnheim für behinderte Senioren wird jetzt in Hersbruck gebaut und soll 2023 eröffnet werden.
Bericht: ALEX BLINTEN, DER BOTE, 21.12.2019

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